
Manche Spiele tragen ihr Gewicht nicht, weil sie groß angekündigt werden, sondern weil man sie noch im Kopf hat. Das Hinspiel in Steißlingen war so eines. Eng, hitzig, bis in die letzten Minuten offen. Ein Spiel, das hängen blieb, weil es genau dort entschieden wurde, wo es weh tut. Ganz am Ende.
Jetzt stand das Rückspiel an. In unserer Halle. Gegen viele bekannte Gesichter. Gegen Spieler, mit denen man sich schon oft gemessen hat – und für mich auch gegen eine Mannschaft, bei der ich selbst drei Jahre gespielt habe. Niemand machte daraus ein großes Thema. Und doch war es da. In den Blicken beim Warmmachen. In diesem leisen Wissen: Heute geht es um mehr als nur zwei Punkte.
Als ich mich zwischen die Pfosten stellte, war da kein Beweisdrang. Kein Groll. Nur dieser kurze Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart nebeneinanderstehen. Alte Mitspieler auf der einen Seite, neue Weggefährten auf der anderen. Und genau da beginnt ein Derby: nicht mit dem ersten Wurf, sondern mit der Entscheidung, ganz im Jetzt zu bleiben.
Dann ertönte der Anpfiff, und das Spiel nahm uns auf. Die ersten Minuten gehörten den Gästen. Steißlingen traf zuerst, während wir noch suchten. Ein paar unklare Aktionen, dieses kurze Abtasten, das Derbys manchmal brauchen. Doch wir blieben ruhig. Vorne fanden wir nach und nach Lösungen und hinten wuchs mit jeder Aktion dieses Gefühl, dass wir hier nicht kippen würden. Ich konnte in dieser Phase ein paar Würfe vereiteln. Keine großen Gesten, keine spektakulären Szenen. Aber genau diese kleinen Momente, die einer Mannschaft Halt geben.
Dann kam der Ausgleich durch Mathis Rau. Ein kleines Signal. Kurz darauf Fynn. Und noch einmal Fynn. Plötzlich war Bewegung da. In unseren Beinen, in der Halle, in diesem Spiel. Steißlingen ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie hielten dagegen, suchten den Körperkontakt, blieben unbequem. Jeder Fehler wurde bestraft, jeder kleine Moment genutzt. Es war ein Spiel, das sich nichts schenkte.
Erst mit der ersten Auszeit fanden wir mehr Ordnung. Ole traf, Fynn erhöhte und langsam begann dieses Derby zu kippen. Kein Bruch, kein Riss. Eher ein leises Verschieben. Ein paar Zentimeter hier, ein Schritt dort. Zur Pause stand ein 18:14. Ein Vorsprung, der gut tat, aber noch keine Sicherheit bedeutete.
Denn Derbys entscheiden sich nicht auf der Anzeigetafel. Sie entscheiden sich in Phasen. Und die nächste Phase gehörte uns. Wir kamen mit einer Klarheit aus der Kabine, die sofort spürbar war. Emil traf. Noch einmal Emil. Dann ein drittes Mal. Ole legte nach, Sebastian fand immer wieder seine Räume. Vor allem aber gewann unsere Abwehr an Kontur. Knut hielt sie zusammen, sprach, schob, war da, wo es wehtat. Und wenn es vorne eng wurde, war er es, der Verantwortung übernahm, der mit seinen Treffern genau in jenen Momenten zuschlug, in denen ein Spiel kippt.
Plötzlich hatte dieses Derby ein Rückgrat. Das Spiel öffnete sich. Nicht, weil Steißlingen aufgab, sondern weil wir konsequenter wurden. Die Abwehr stand enger, die Wege waren klarer, die Entscheidungen ruhiger. Aus dem Ringen wurde Kontrolle.
Steißlingen kämpfte weiter, suchte Antworten, blieb unbequem. Doch wir ließen uns nicht treiben. Kein Überdrehen. Kein hektisches Davonlaufen. Stattdessen: Geduld. Tiefe. Vertrauen ineinander. Fynn blieb vom Punkt sicher, Emil nutzte jede Lücke, Sebastian setzte Akzente genau dann, wenn sie gebraucht wurden. Und immer wieder waren es diese leisen Momente, in denen ein Angriff der Gäste ins Leere lief, in denen ein Ball nicht den Weg ins Netz fand, sondern zurück ins Spiel fiel.
Kleiner Einwurf von mir (Yannik Franz): Eine Person drückte diesem Spiel ihren ganz persönlichen Stempel auf – Lolo (Louis Ruf) im Tor. In einem Derby gegen den Verein, bei dem er mehrere Jahre gespielt hatte, lief er zur Höchstform auf. Mit einer Parade nach der nächsten brachte er eine enorme Konstanz zwischen die Pfosten, die für den gesamten Spielverlauf von großer Bedeutung war. Gerade in den Phasen, in denen Steißlingen nach Antworten suchte, war er der Ruhepol im Hintergrund und gab der Mannschaft die Sicherheit, weiter konsequent ihren Weg zu gehen. Weiter geht’s jetzt mit dem Spielbericht (geschrieben von Loui Ruf).
Als Tim in der Schlussminute zum 37:25 traf, war es nicht einfach der letzte Treffer. Es war der Punkt hinter einem Abend, der mehr war als ein Ergebnis. Ein Derby, das wir nicht nur gewonnen, sondern gestaltet hatten. Eines, das zeigte, was möglich ist, wenn eine Mannschaft geschlossen bleibt, auch dann, wenn es zuvor eng war.
Und doch fügt sich dieser Abend in das Bild der letzten Wochen ein. Zwischen Anspruch und Entwicklung. Zwischen dem Wissen, was schon geht, und dem Gefühl, dass noch mehr möglich ist. Ein Sieg, der gut tut. Ein Spiel, das Richtung gibt.
Unser Dank gilt dem TuS Steißlingen für ein faires Derby sowie den vielen Fans, die am Sonntag den Weg in die Mettnauhalle gefunden und mit ihrer Unterstützung genau diesen
besonderen Rahmen geschaffen haben. Als sich die Halle dann langsam leerte, blieb kein leiser Abschied zurück, sondern ein Nachklang von Energie. Dieses Wissen, dass man gemeinsam etwas aufgebaut hat. Dass ein Spiel nicht nur endet, sondern etwas in Bewegung setzt. In den Köpfen, in den Beinen, im Vertrauen zueinander.
Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt allerdings nicht. Denn das nächste Kapitel wartet bereits. Nächste Woche Freitag geht es nach Salem. Topspiel. Erster gegen Zweiter. HSG Mimmenhausen/Mühlhofen gegen HSC Radolfzell. Zwei Mannschaften, die sich an der Spitze nichts schenken. Zwei Wege, die genau hier aufeinandertreffen. Ein Spiel, das nicht nur Tabellenplätze, sondern auch Haltung fordert.
Dafür brauchen wir euch. Kommt mit nach Salem. Füllt die Halle. Seid laut. Seid da. Solche Spiele entscheidet man nicht allein auf dem Feld – sie entstehen gemeinsam auf der Platte und auf den Rängen.
Freitag, 20 Uhr. Salem. Wir sind bereit.

