
Manchmal braucht es keinen Blick auf die Tabelle, um zu wissen, was auf dem Spiel steht. Man spürt es. In der Kabine. In den ersten Aktionen. In diesem Gefühl, dass heute jeder Moment zählen kann. Das Auswärtsspiel bei der HK Ostdorf/Geislingen war genauso ein Abend. Wir kamen als Tabellenzweiter, mit allem in der eigenen Hand. Und gleichzeitig mit dem Wissen, dass hinter uns alles darauf wartet, dass wir einmal straucheln. Weilstetten saß uns im Nacken. Ein falscher Schritt, und die Ausgangslage kippt. Es war kein Spiel, das man einfach spielt. Es war eines, das man bestehen muss.
Und genau so gingen wir es an. Wir waren von Beginn an präsent. Wach, konzentriert, klar in unseren Aktionen. Emil eröffnete die Partie, Fynn übernahm früh Verantwortung, Maxime
setzte Akzente. Der Ball lief, die Entscheidungen stimmten und wir hatten auch defensiv direkt Zugriff. Gerade in den ersten Minuten bekam ich immer wieder die Hände an den Ball, konnte Würfe entschärfen und der Mannschaft Sicherheit geben. Wir standen kompakt, halfen uns gegenseitig und fanden Lösungen. Und so entwickelte sich das Spiel zunächst genau in unsere Richtung. Wir nutzten unsere Chancen konsequent, spielten mit Tempo und setzten uns Schritt für Schritt ab. Der Vorsprung wuchs – bis wir mit sechs Toren führten. Ein Spiel, das sich in diesem Moment unter Kontrolle anfühlte. Doch genau hier begann sich etwas zu verändern.
Mit jedem Tor der Gastgeber wurde es lauter in der Schloßparkhalle. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Die Zuschauer wachten auf, die Halle begann zu leben und mit ihr wuchs das Selbstvertrauen der Gastgeber. Was zuvor ruhig war, wurde plötzlich laut. Was zuvor klar war, wurde unruhig. Und wir verloren den Zugriff. In den letzten Minuten vor der Pause fanden wir defensiv kaum noch Lösungen. Räume öffneten sich, Abstimmungen passten nicht mehr, Gegenspieler kamen immer wieder frei zum Abschluss. Und Ostdorf nutzte das konsequent. Tor um Tor arbeiteten sie sich zurück und plötzlich war das Spiel ein anderes. Als die Halbzeitsirene ertönte, stand da ein Spielstand, der sich wie ein Bruch anfühlte: 13:12 für Ostdorf.
Ich war in diesem Moment völlig außer mir. Nach so einem Start, nach so viel Kontrolle – das Spiel so aus der Hand zu geben, das hat mich gepackt. Und ich habe es die Mannschaft auch spüren lassen. Direkt, klar, emotional. Aber genau das gehört dazu. Weil jeder wusste, dass wir dieses Spiel gerade hatten kippen lassen.
Die zweite Halbzeit begann dann genau so, wie die erste geendet hatte. Intensiv, eng, umkämpft. Es war kein Spiel mehr, das von Leichtigkeit geprägt war, sondern eines, das man sich erarbeiten musste. Und mit jedem Tor der Gastgeber wurde die Halle lauter. Die war jetzt voll da. Eine dieser Atmosphären, die dich trägt – oder gegen dich arbeitet. Und sie arbeitete gegen uns.
Der eigentliche Bruch kam dann in der 44. Minute. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Spiel noch offen, die Halle laut, die Dynamik jedoch auf Seiten der Gastgeber. Und genau in diese Phase hinein entwickelte sich eine Szene, die dem Spiel eine neue Richtung gab. Mathis, unser Kapitän, setzt im Tempogegenstoß nach, versuchte alles, um den freien Wurf zu verhindern. Eine Aktion aus dem Impuls heraus, aus Verantwortung, aus dem Willen, dieses Spiel nicht herzugeben. Doch in der Bewegung gerät der Gegenspieler ins Straucheln und geht zu Boden. Die Entscheidung folgt sofort. Disqualifikation. Ein Moment, der kurz alles anhält. Weil jeder weiß, was er bedeutet. Wir verlieren nicht nur einen Spieler, sondern auch Stabilität – genau in einer Phase, in der wir sie am dringendsten gebraucht hätten.
Und genau hier begann das Spiel endgültig zu kippen. Ostdorf nutzte die Situation, wurde klarer, zielstrebiger – getragen von einer Halle, die jetzt vollständig hinter ihnen stand. Tor um Tor setzten sie sich ab. Dann der nächste Rückschlag. In der 51. Minute folgte die nächste entscheidende Szene. Ein Wurf auf unser leeres Tor – Seby geht dazwischen, verhindert den Einschlag im Tor. Eine Aktion, die auch anders hätte bewertet werden können. Doch die Entscheidung fällt gegen uns. Die zweite Disqualifikation. Und direkt im Anschluss der nächste Nackenschlag. Siebenmeter für Ostdorf. Tor.
Vier Tore Rückstand. Ein Spiel, das wir im Griff hatten, drohte in diesem Moment endgültig zu entgleiten. Die Halle tobte. Und alles sprach gegen uns. Und dann kam dieser eine Moment. Ein Tempogegenstoß für Ostdorf. Frei durch. Die Halle steht, alles bereitet sich auf die Entscheidung vor. Fünf-Tore-Rückstand – und das Spiel wäre wohl gelaufen gewesen. Doch ich bekomme noch die Hand dran. Pariere den Ball. Kein großer Jubel. Kein Aufschrei. Aber genau dieser Moment hält uns im Spiel. Und genau hier beginnt unsere Antwort.
Wir nehmen unser Herz in die Hand. Verteidigen offensiver, aggressiver, gehen ins Risiko. Wir zwingen Ostdorf zu Fehlern, holen uns Ballgewinne zurück. Es ist kein schöner Handball mehr. Es ist purer Wille. Schritt für Schritt arbeiten wir uns zurück. Fynn übernimmt Verantwortung, Maxime findet Lösungen, Lars bringt Stabilität. Und plötzlich ist sie wieder da. Diese eine Chance. Der Ausgleich. 31:31. Ein Spiel, das uns entglitten war, ist wieder offen. Und wir bekommen den letzten Angriff. Noch einmal alles. Noch einmal die Möglichkeit, dieses Spiel komplett zu drehen. Der Ball geht zunächst nach außen, wir setzen neu an. Dann der Versuch, den entscheidenden Impuls zu setzen – der Pass in die Mitte, gedacht für den Kempa. Doch der Ball wird geblockt. Keine Chance mehr, ihn sauber zu erreichen. Keine zweite Möglichkeit. Der Moment verpufft. Dann die Sirene. Und für einen Moment steht alles still. Auf der einen Seite bricht der Jubel los. Die Gastgeber reißen die Arme hoch, die Schloßparkhalle bebt. Mit diesem einen Punkt sichern sie sich den Klassenerhalt – ein Ziel, für das sie alles investiert haben. Auf unserer Seite ist es ein anderes Gefühl. Kein lauter Jubel. Eher ein tiefes Durchatmen. Erleichterung. Als wir realisieren, was dieser eine Punkt bedeutet. Dass wir nach diesem Spielverlauf zurückgekommen sind. Dass wir uns im Rennen gehalten haben. Ein Spiel, das in beide Richtungen hätte kippen können. Ein Spiel, das beide Mannschaften hätten gewinnen können. Und am Ende eines, das irgendwie beiden etwas gibt. Ostdorf den verdienten Klassenerhalt. Uns die Chance, weiter an unser Ziel zu glauben.
Was bleibt, ist der Respekt für dieses Spiel. Unser Dank gilt der HK Ostdorf/Geislingen für eine intensive, emotionale und jederzeit faire Partie auf Augenhöhe. Für genau solche Spiele spielt man diesen Sport.
Und für uns bleibt dieses Gefühl. Noch da zu sein. Noch im Rennen zu sein. Noch alles in der eigenen Hand zu haben. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt ist Crunchtime. Ein letztes Spiel. Ein letzter Schritt. Am Sonntag um 17 Uhr in der Mettnauhalle wartet das Finale gegen die HSG Fridingen/Mühlheim. Und es geht um alles: Vizemeisterschaft, Relegation, die Chance, nach nur einem Jahr in der Landesliga direkt wieder aufzusteigen. Mehr geht nicht. Und genau dafür brauchen wir euch.
Eine volle Halle. Lautstärke, die uns trägt. Energie, die uns nach vorne schiebt. Jeder, der kann, muss da sein. Kommt in die Halle. Steht hinter uns. Tragt uns durch dieses Spiel. Denn jetzt entscheidet sich alles.

